"Methodenschatz"

Sozialministerin will "Homophobie" bei Grundschulkindern bekämpfen

Haben Grundschulkinder in SH Vorbehalte gegen Lesben, Schwule und Transsexuelle? (Foto: picture-alliance)

Kiel, 15. Januar 2015   Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) hat beim Lesben- und Schwulenverband Schleswig-Holstein (LSVD SH) Unterrichtmaterial in Auftrag gegeben, mit dessen Hilfe bei Grundschulkindern "Vorbehalte gegenüber Lesben, Schwulen und Transsexuellen" abgebaut werden sollen. Bei wie vielen der rund 100.000 Grundschulkinder des Landes solche Vorbehalte tatsächlich bestehen, ist unbekannt. Geprüft hat das niemand – auch nicht die Ministerin.

Kein Beleg für homophobe Grundschulkinder

Warum die Ministerin ohne jede wissenschaftliche Überprüfung der Auffassung ist, dass es  bei den Grundschülern in Schleswig-Holstein in relevantem Umfang Vorbehalte gegen Homo- und Transsexuelle gibt, kann nur gemutmaßt werden. Begründet hat sie es nicht.

Bislang hat sie lediglich in einem Grußwort zur Auftaktveranstaltung zum Aktionsplan für Akzeptanz vielfältiger sexueller Identitäten Schleswig Holstein  erklärt, dass es "völlig richtig" sei, dass der Aktionsplan „einen präventiven Schwerpunkt zur Aufklärung in der Schule“ habe; schließlich sei auch Unkenntnis eine Ursache für "Homophobie".

Die Annahme, dass eine relevante Anzahl der Grundschüler in Schleswig-Holstein Vorbehalte gegen Lesben, Schwule und Transsexuelle hat, scheint die Ministerin also davon abzuleiten, dass die meisten Grundschüler keine oder in ihren Augen nur unzureichende Kenntnisse über Homo- und Transsexualität besitzen.

Prävention und Abbau von Vorbehalten in einem

Dieser Logik folgend, hätte dann das beim LSVD SH in Auftrag gegebene Unterrichtsmaterial gleich zwei Aufgaben zu erfüllen: bei Grundschülern, die Vorbehalte gegen Homo- und Transsexuelle haben, diese abzubauen, bei allen anderen die Entstehung solcher Vorbehalte zu verhindern. Ob es Unterrichtsmaterial gibt, das eine solche Doppelaufgabe überhaupt bewältigen kann, ist offen. Denn einen Beleg dafür hat die Ministerin nicht vorgelegt - auch nicht dafür, dass das beim LSVD SH in Auftrag gegebene Unterrichtsmaterial auch nur eine der beiden Aufgaben erfüllen kann.

Ebensowenig hat sich die Ministerin bislang zu der Frage geäußert, auf welche Rechtgrundlage sie ihre Auffassung stützt, dass es Aufgabe einer staatlichen Schule sei, etwaige Vorbehalte bei Schülern gegen Homo- und Transsexualität abzubauen oder zu verhindern.

Rechtslage der Ministerin scheinbar unbekannt

In der Grundsatzentscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Sexualerziehung an öffentlichen Schulen (BVerfGE 47, 46) heißt es: „Die Schule muss den Versuch einer Indoktrinierung der Schuler mit dem Ziel unterlassen, ein bestimmtes Sexualverhalten zu befürworten oder abzulehnen.“

Sollten Grundschulkinder tatsächlich Vorbehalte gegen Homo- oder Transsexualität haben, so hätten sie also das Recht dazu. Umgekehrt hat keine staatliche Schule das Recht dazu, ihre Schülern dazu anzuhalten, Homo- und Transsexualität - in einem befürwortenden Sinn - zu akzeptieren, also gutzuheißen.

Ob sich die Ministerin dieser Rechtslage bewusst ist, erscheint fraglich. Denn in ihrem Grußwort zur Auftaktveranstaltung zum Aktionsplan für Akzeptanz vielfältiger sexueller Identitäten Schleswig Holstein heißt es weiter:

Es gab ja bereits intensive Arbeit zum Start des Aktionsplans und es gab auch intensive Diskussionen um die Auswahl des gemeinsamen Titels:„Echte Vielfalt, Aktionsplan zur Akzeptanz vielfältiger sexueller Identitäten“. Da wurde auch in meinem Ministerium diskutiert, ob unterschiedliche sexuelle Identitäten nun „toleriert“ oder „akzeptiert“ werden sollen. Ich musste mich da – ehrlich gesagt – erst etwas rein denken, weil es mir nicht weitgehend genug, weil irgendwie selbstverständlich schien. Aber selbstverständlich ist diese Akzeptanz eben nicht.“

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